Gotthold Ephraim Lessing
gemalt von Anton Graff
Fakten
Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:
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Lessingstraße
Der Bildhauer Fritz Schaper hat cirka einhundert Jahre nach dem Tode
Lessings das Denkmal geschaffen, das auf dem Hamburger Gänsemarkt steht.
Wer die hier gezeigte, sehr selbstbewusste Haltung des Dichters auf sich
wirken lässt, kann sich gut vorstellen, mit welcher Überzeugung der
aufgeklärte Lessing den von ihm als intolerant empfundenen Äußerungen des
Hamburger Hauptpastors Goeze in Religionsfragen entgegengetreten ist.
Diese Kontroverse hatte für das deutsche Theaterleben ein sehr
positives Ergebnis. Sie veranlasste Lessing, das Drama zu schreiben, das
uns sehr eindringlich den Begriff der religiösen Toleranz und der Humanität
näher bringt, gerade heute in der Zeit aufkommender Fundamentalismen wohl
notwendiger denn je. Er schrieb "Nathan der Weise". Die Welt würde sehr
davon profitieren, würden alle Menschen die Ringparabel aus diesem Werk
kennen und ihren Sinn beherzigen.
Drei Jahre lang, von 1767 bis 1770, wirkte Lessing in Hamburg, zuerst
als Dramaturg am Deutschen Nationaltheater am Gänsemarkt. Hier schrieb er
seine Hamburgische Dramaturgie, in der er seine grundlegenden Gedanken zum
Theatergeschehen anhand von Rezensionen aufgeführter Stücke und zum Wesen
von Tragödie und Komödie festgehalten hat. Sie gilt noch heute als bedeutendes
Werk über die dramatische Technik.
Dass auch die großen Klassiker Goethe und Schiller die Hamburgische
Dramaturgie kannten und Nutzen daraus zogen, darf man wohl voraussetzen.
In der Ankündigung dieses Basiswerkes der Theaterwissenschaft erwies sich
Lessing als treffsicherer Wortschöpfer. Er meinte, es solle sich nicht
gleich jeder kleine Kritikaster für das große Publikum halten. Wie viele
Regisseure und Schauspieler diesen Satz seitdem wohl aus tiefstem Herzen
nachempfunden haben?
Gotthold Ephraim Lessing wurde 1729 in Kamenz/Sachsen geboren, war also
genau 20 Jahre älter als Goethe und 30 Jahre älter als Schiller. Bevor diese
beiden großen deutschen Dichter auf die Welt kamen, schrieb er bereits als
junger Mann von nicht einmal 20 Jahren Stücke für die sächsische Schauspielerin
und Theaterleiterin Friederike Caroline Neuber, die damals weithin als
Neuberin bekannt war.
Er arbeitete in den 50er und 60er Jahren des 18. Jahrhunderts als
freier Schriftsteller und Journalist, wobei sich sein Schaffen neben dem
Verfassen von Gedichten, Erzählungen und philosophischen Schriften ganz
besonders um das Theater drehte. Er strebte danach, das deutsche
Bühnenwesen zu modernisieren, wie wir heute sagen würden. Er ging dabei
über Johann Christoph Gottsched hinaus, der ihm zwar auf diesem Wege
vorangegangen ist, ihm aber nicht konsequent genug war und allzu sehr
alten Traditionen verhaftet blieb. Lessings Visionen vom deutschen Theater
dienten nicht zuletzt seine eigenen Dramen, von denen sich wenigstens die
folgenden drei noch heute auf deutschen Spielplänen finden.
Dazu gehört in erster Linie das, wenn man es so nennen darf, dramatische
Lehrgedicht "Nathan der Weise", in dem sich Lessings Freund, der aufgeklärte
jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, erkannt haben mag. Aber Lessing sah
seine Aufgabe als Dichter und Theatermann auch im Schreiben von "modernen"
Komödien und Tragödien, wobei es ihm darauf ankam, "mittlere Charaktere"
zu schaffen, Menschen, wie sie auch im täglichen Leben zu finden sind,
keine überzeichneten Helden oder Bösewichte. Das gelang ihm in dem
klassischen deutschen Lustspiel "Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück",
nicht ganz so gut in der Tragödie "Emilia Galotti", in der ein besonderer
Erzschurke mit Namen Marinelli vorkommt, bei dem von einem mittleren
Charakter nicht gesprochen werden kann.
Lessing arbeitete nach seinen drei Hamburger Jahren ab 1770 als
Bibliothekar in Wolfenbüttel. Dort entstanden neben dem "Nathan" und der
"Emilia Galotti" vor allem Prosawerke philosophisch-aufklärerischen Inhalts.
Hier endete auch sein oben erwähnter theologischer Streit mit dem Hauptpastor
Goeze, was nicht bedeutet, dass sich die beiden geeinigt hätten. Ihnen
wurde schlicht die Fortsetzung der Kontroverse durch die Zensur verboten.
Die Methode, Menschen mundtot zu machen, beherrschte man auch damals perfekt.
Wie andere große Dichter und Dramatiker hat Lessing unsere Umgangssprache mit
Redensarten bereichert, von denen selten jemand weiß, woher sie stammen und
wer sie zuerst gebraucht hat. "Die Kunst geht nach Brot", das wissen wir aus
"Emilia Galotti", und daher kommt auch die Antwort, die wir bestimmt selbst
schon oft gegeben haben: "Tu, was du nicht lassen kannst!" Beim "Nathan"
lernen wir: "Kein Mensch muss müssen", was leider nicht immer stimmt. Und
aus der Ringparabel stammt das Wort vom "Betrogenen Betrüger".
Lessing starb 1781, nur zweiundfünfzig Jahre alt, in Braunschweig. Wenig Ruhm bringt es in der Rückschau dem damaligen Hamburger Senat, den Tod des Schöpfers der Hamburgischen Dramaturgie ignoriert zu haben. Der Hauptpastor Goeze wirkte sehr stark nach. Erst spätere Generationen brachten einen Sinneswandel, und so lassen sich auch die Nachkommen der alten "Pfeffersäcke" heute gern an den Dichter und Dramatiker erinnern, wenn sie sein Denkmal auf dem Gänsemarkt sehen.
Autor:Hermann Drews


