Fakten
Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:
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Berliner Straße
Die Hamburger Straße führt nach Hamburg, die Rausdorfer nach Rausdorf, und die Möllner Straße führt nach Mölln. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Wenn da nicht die Berliner Straße wäre. Die liegt im äußersten Südwesten Trittaus und grenzt ans Billetal. Sie führt aber zur Dahlemer und Steglitzer Straße sowie zum Tegeler Weg. Damit ist die Verwirrung eigentlich perfekt, wäre da nicht die deutsche Geschichte, die hier eine Erklärung liefern kann.
Also: Da war einmal das alte Berlin, die Residenz der preußischen Könige.
1871 wurde die Spreestadt zur doppelten Hauptstadt. Sie war nicht nur die
Kapitale Preußens, sondern fortan auch des Deutschen Reiches. Das Kaiserreich
endete mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik begann mit
einer Revolution und endete in einer großen Krise. Dann ergriff Hitler die
Macht, um Deutschland und Europa in den nächsten Krieg zu stürzen. Berlin
wurde dabei oft zur Bühne dieser dramatischen Entwicklung. Am Ende lag die
größte deutsche Stadt zerschunden und großflächig zerstört am Boden.
Am 5. Juni 1945 verkündeten die vier Siegermächte in ihrer Berliner
Deklaration, daß sie von jetzt an die oberste Regierungsgewalt in Deutschland
ausüben würden. Als dieselben Siegermächte schon bald in den Kalten Krieg
schlitterten, wurde Berlin - wie das übrige Deutschland auch - politisch-ideologisch
geteilt. West-Berlin wurde spätestens mit der Luftbrücke 1948/49 zur
Frontstadt und das Brandenburger Tor zum Symbol der Freiheit. Wer dieses
Tor nun von West nach Ost passierte, betrat gewissermaßen einen Schurkenstaat,
die "Ostzone", wie man damals sagte, die nie müde wurde, ihren Sektor als
"Hauptstadt der DDR" anzupreisen.
Dann folgten der 17. Juni 1953 und der 13. August 1961, der legendäre
Volksaufstand in der DDR und der Mauerbau, der die Fluchtwelle aus dem Osten
eindämmen sollte. Damals stellten viele Westdeutsche Kerzen ins Fenster,
um an die "Brüder und Schwestern im anderen Teil Deutschlands" zu erinnern.
Auch hieß es unermüdlich, Berlin sei "eine Reise wert". Allerdings war es
viele Jahre lang ratsam zu fliegen, wollte man sich nicht einem bürokratischen
Spießrutenlaufen und etwaigen Grenzschikanen aussetzen. Mit der Entspannungspolitik
der 1970er Jahre und dem Autobahnbau von Hamburg nach Berlin wurde zwar
einiges leichter, doch jeder Berlin-Besuch bedrückte eher und rief immer
wieder Kopfschütteln hervor. Eine normale Städtetour sah anders aus, eine
normale Stadt auch. Sicherlich - das kulturelle Angebot war imposant, und
die Stadt hatte, wenn man etwas tiefer blickte, noch vieles vom alten
Charme ihrer glanzvollen Zeit. Doch spätestens der obligatorische Mauerbesuch
offenbarte dann die ganze Idiotie des geteilten Deutschland und verwies
zugleich auf das trostlose Inseldasein der drei West-Sektoren.
Die Wirtschaft wanderte ab, die jungen Menschen ebenfalls. Die Stadt hing finanziell am Tropf der Bundesrepublik. Mit einem Wort: die Lage war vertrackt. Hätte die Mauer wirklich noch 100 Jahre gestanden, wie Erich Honecker 1989 verkündete, die Stadt wäre irgendwann zum Museum erstarrt. Da halfen auch die vielen Klassen- und Studienreisen nicht und schon gar nicht die vielen Gesten des Mahnens und Erinnerns: Berlin-Steine, Schilder, die die Entfernung zur "eigentlichen" Hauptstadt angaben oder eben Straßenbenennungen. Das alles war nett und vielleicht auch ehrlich gemeint, aber ebenso vergeblich wie im Falle der Breslauer, Stettiner oder Danziger Straße. Waren diese Städte nicht auch längst verloren?
Die Trittauer Politikerinnen und Politiker sind Mitte der 1970er Jahre
einen seltsamen Weg gegangen, als sie wollten, daß Berlin nicht in Vergessenheit
gerate. Das "Berliner Viertel" im Südwesten der Gemeinde verweist bezeichnenderweise
nur auf Bezirke, die im Westteil der alten Hauptstadt liegen. Von Köpenick
oder Friedrichshain ist nicht die Rede. War hier Political Correctness im
Spiel? Hat da jemand verhindern wollen, gesamtdeutsch zu erscheinen? Oder
war das geteilte Berlin genenell suspekt?
Einem Zeitungsausschnitt ist zu entnehmen, daß es damals Kontroversen
gab. Die Wahl der Straßennamen stieß in einer öffentlichen Fragestunde auf
Kritik. Man witterte eine politische "Tendenz". Doch Bürgermeister Hergenhan,
so lesen wir, wies "diese Deutung energisch zurück. Es sei darum gegangen,
der alten Reichshauptstadt eine 'Reverenz' zu erweisen."
Das alles ist historisch interessant und wäre noch gründlicher zu erforschen. Übrigens: Von der Berliner Straße in Trittau zum Brandenburger Tor in Berlin sind es 264 Kilometer. Heute fast eine Tagestour.
Autor: Hans-Jürgen Perrey

